Für das Wort und die Freiheit

„Empathie ist der Schlüssel zu einer funktionierenden Demokratie“

 
Schriftstellerin Tanja Kinkel ist von der geringen Wahlbeteiligung frustriert. Kinkel, Mitglied im PEN-Präsidium Deutschland, nahm im Interview im Rahmen des einwöchigen deutsch-französischen Jugendcamps „Du hast das Wort- Tu as la parole“ Stellung zur Zukunft der Demokratie in Deutschland.

INTERVIEW: JULIA MASSANETZ, FRANZISKA SEIDEL

Auf dem mediacampus frankfurt haben sich vom 15. bis 22. Juli 29 Jugendliche ausführlich mit der Meinungsfreiheit beschäftigt. Im Anschluss an ein "Kamingespräch" mit Hayko Bagdat, Alexander Skipis und Tanja Kinkel, nahm sich die Autorin Zeit für ein zusätzliches Interview zum Thema Demokratie.

Denken Sie, dass unsere Demokratie in Deutschland in irgendeiner Art und Weise gefährdet ist?

Meiner Meinung nach ist die Demokratie in Deutschland nicht direkt gefährdet. Allerdings muss man immer im Auge behalten, dass sich Demokratien auch auf demokratische Weise selbst abschaffen können. Gerade das zunehmend phlegmatische Verhalten der Bevölkerung könnte in Zukunft ein Problem darstellen. Auch die letzten Geschehnisse in Ungarn und Polen verdeutlichen uns, dass auch in scheinbar demokratisch aufgebauten Ländern der gesellschaftliche Frieden nicht als selbstverständlich angesehen werden kann. Abgesehen davon stellen auch Klischees und der Missbrauch der Meinungsfreiheit ein Problem dar. Der Begriff Meinungsfreiheit darf niemals als uneingeschränkte Lizenz zur Beleidigung und Demütigung eines anderen verwendet werden. Es darf nie außer Acht gelassen werden, dass alle Wörter Konsequenzen haben. Natürlich muss man Politiker kritisieren, jedoch sollte man ihnen nicht die Menschlichkeit absprechen. Auch die Tatsache, dass Reporter Angst haben müssen aufgrund ihrer Meinungsäußerung angegriffen zu werden, ist vollkommen inakzeptabel.

Welche Gefahren sehen Sie sonst noch?

Gerade die zunehmende Schere zwischen Arm und Reich stellt meiner Meinung nach eine große Herausforderung dar. Politiker preisen scheinbar leicht umzusetzende Lösungen an. Diese wecken insbesondere beim ärmeren Teil der Bevölkerung große Hoffnungen. Vielfach werden diese Lösungen allerdings nie umgesetzt, was schließlich zu großer Enttäuschung und Frustration führt.  Neben der zunehmenden Unzufriedenheit entsteht oftmals der falsche Eindruck, dass die Individualität und einzelnen Interessen der Parteien zu Zeiten der Großen Koalitionen de facto nicht mehr existieren.  Diese entwickeln sich zu einer homogenen Interessengemeinschaft, wodurch die verschiedenen Meinungen der einzelnen Bürger verloren gehen. Das Gefühl, nur noch einen Teil der Meinungsvielfalt zu betrachten, resultiert letzten Endes in einem deutlichen Rückgang der Wahlbeteiligung und zunehmender Politikverdrossenheit in Deutschland.

Sind Sie trotz allem mit unserer Demokratie zufrieden?

Im Vergleich zu den vorherigen Modellen erachte ich unsere momentane Form der Demokratie mit Abstand als das Überzeugendste. Allerdings bin ich der Meinung, dass die derzeitig demokratisch aktive Bevölkerung in Deutschland bei weitem einen viel zu kleinen Teil einnimmt. Daher würde ich mir eine große Wahlbeteiligung wünschen. Gerade die Ansicht, aus Protest nicht zur Wahl zu gehen, hilft im Zweifelsfall nur den Extremisten. Damit die Demokratie weiterhin in Deutschland funktionieren kann, ist es essenziell, regelmäßig zu wählen. Aber vor allem auch die Kommunikation auf Dialogniveau und nicht auf „Brüllniveau“ ist eine wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche Kommunikation über politische Missstände. Daher liegt der Schwerpunkt nicht darin, das System zu verändern, sondern die Menschen dazu aufzurufen, das System richtig zu nutzen.

Inwiefern haben Sie das Gefühl, als Schriftstellerin einen Beitrag für die Demokratie zu leisten?

Meiner Meinung nach leiste ich insofern einen Beitrag für die Demokratie, da ich im Rahmen meiner Romane auf fiktiver Ebene auf aktuelle Missstände in der Gesellschaft hinweise. Gerade in Krisenzeiten versuchen Menschen in der Fiktion Antworten zu finden. Gleichzeitig zeigen Bücher mehrere verschiedene Perspektiven auf, wodurch der Ideen- und Emotionsaustausch beim Leser gefördert wird. Leser treten nicht nur in Kontakt mit persönlichen Einzelschicksalen, sondern setzten sich ebenfalls intensiv mit diesen auseinander. Dabei entsteht Empathie – und Empathie ist der Schlüssel zu einer funktionierenden Demokratie. Nur wenn man liest, ist man wirklich dazu in der Lage, sich eine Meinung über einen bestimmten Sachverhalt zu bilden. Gerade weil Bücher so viel bewegen und somit die Meinungsfreiheit am Leben halten, versuchen Diktaturen die Kontrolle über Bücher zu bekommen. So sagte auch Heine „Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen“. Gleichzeitig bin ich der Meinung, dass es mehr als selbstverständlich ist, seinen Bekanntheitsgrad für gute Zwecke zu nutzen. Die Tatsache, dass mir in der Buchbranche sehr viel Aufmerksamkeit entgegen gebracht wird, ermöglicht mir unter anderem durch meine Tätigkeit beim PEN, mich intensiv für Demokratie einzusetzen.

Sehen Sie in der derzeitigen Jugend eine Hoffnung zur Verbesserung der demokratischen Situation?

Unsere Gesellschaft nimmt in Kauf, dass sie auf Lasten anderer basiert. So werden zum Beispiel viele Länder in Afrika zur Ablagerung von Müll missbraucht. Unsere Jugend, die die künftige Gesellschaft darstellt, kann diese Ungerechtigkeit beseitigen. Es muss ein größeres „Geben und Nehmen“ in der Gesellschaft stattfinden, um Krieg und Apartheitssituationen in Zukunft zu verhindern. Daher wäre es auch wichtig, die Bildungsstandards wieder zu heben. Nur durch Bildung kann verhindert werden, dass aus Desinteresse eine Nicht- Demokratie entsteht. Positiv zu erwähnen ist in jedem Fall, dass in der heutigen Jugend offensichtlich bereits ein Gedankenprozess begonnen hat. So ist die die klischeehafte Anfeindung unter deutschen und französischen Jugendlichen nur noch eine Minderheitserscheinung.


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