Für das Wort und die Freiheit

22.11.2019

Im Land der Dichter und Henker

Der Dichter Ashraf Fayadh ist ein politischer Gefangener des saudischen Regimes. Ihm werden „Atheismus und Verbreitung von zerstörerischem Gedankengut“ unterstellt und vorgeworfen, er habe sich vom muslimischen Glauben abgewandt. Grundlage dieser ebenso haltlosen wie absurden Anklagen waren angeblich blasphemische Äußerungen Fayadhs sowie sein Gedichtband „at-Ta’limat bi-d-dakhil“ („Gebrauchsanweisungen anbei“), der 2007 erschien und von den saudischen Religionswächtern als gotteslästerlich angesehen wurde.

Fayadh selbst ist in Saudi-Arabien aufgewachsen, zählt aufgrund seiner Herkunft jedoch zu den staatenlosen Palästinensern, da sein Vater von Palästina aus nach Saudi-Arabien geflüchtet war. 
Die Staatsangehörigkeit und Bürgerrechte wurden Ashraf Fayadh von den saudischen Behörden verweigert – und das, obwohl Fayadh 2013 den saudischen Pavillon auf der Biennale in Venedig gestaltet hatte. Darüber hinaus war Fayadh Mitglied des arabisch-britischen Künstlerkollektivs Edge of Arabia, kuratierte Ausstellungen in der saudischen Hafenstadt Dschidda und half, moderne Kunst aus dem arabischen Raum in Europa bekannt zu machen.

Erstmalig verhaftet wurde Ashraf Fayadh im August 2013, das zweite Mal dann im Mai 2014. Im anschließenden Prozess wurde er wegen Kritik am Islam zu vier Jahren Gefängnis und 800 Peitschenhieben verurteilt. Nachdem Fayadh dagegen Revision eingelegt hatte, wurde sein Fall neu verhandelt und am 17. November 2014 wegen angeblicher Blasphemie das Todesurteil über ihn gesprochen.

Aufgrund internationalen Drucks und weltweiter Proteste wurde das Urteil 2016 in acht Jahre Gefängnis umgewandelt, Ashraf aber zugleich gezwungen, in den staatlichen Medien Saudi-Arabiens einen Widerruf zu veröffentlichen. Seitdem gibt es nur noch wenige Lebenszeichen von ihm.

Leider sind auch die anfangs noch zahlreichen Proteste und Solidaritätsbekundungen im Laufe der Zeit deutlich weniger geworden. Aktuell wird so gut wie gar nicht mehr über ihn berichtet. Dabei steht das Schicksal von Ashraf Fayadh geradezu exemplarisch für ein Land, dessen Regierung sich zwar nach außen zunehmend reformerisch gibt, tatsächlich aber Andersdenkende systematisch einsperrt, sie misshandelt und Jahr für Jahr Dutzende Menschen wegen angeblicher Gotteslästerung, Homosexualität oder der Teilnahme an regierungskritischen Protesten exekutiert.

Das Schicksal von Ashraf Fayadh ist so gesehen nur eines von vielen. Gerade deswegen aber gilt es, auch weiterhin die Stimme gegen das widerwärtige Machtgebaren und die inakzeptable Politik der saudischen Regierung zu erheben. Die Forderung kann daher nur lauten: Ashraf Fayad muss freigelassen werden! Sofort! Ohne Wenn und Aber!

Francis Nenik

Das folgende Gedicht stammt aus dem erwähnten Band von Ashraf Fayad, „Gebrauchsanweisungen anbei“. Es wird hier erstmals in deutscher Übersetzung veröffentlicht.

 

Die letzten Nachkommen der Flüchtlinge

Ashraf Fayadh


Du verursachst der Welt Verdauungsstörungen und ein paar andere Probleme.
Bringe die Erde nicht zum Erbrechen,
Bleib nah bei ihr, ganz nah.
Du bist der Bruch, der sich nicht mehr zusammenfügen lässt.
Du gehörst zu einer Gruppe, die man nicht greifen oder mit anderen Zahlen in eins rechnen kann.
Du verursachst Verwirrung in der internationalen Statistik.

Ein Flüchtling zu sein bedeutet, am Ende der Reihe zu stehen,
Um eine Scheibe Heimat abzubekommen.
In einer Reihe stehen ist etwas, das dein Großvater schon getan hat, ohne zu wissen, warum.
Diese Scheibe, diese abgeschnittene Stück aber, bist du!
Die Heimat: ein Ausweis, den du zusammen mit deinem Geld in deine Brieftasche steckst.
Das Geld: Papierstücke, auf die die Bilder von Führern gemalt sind.
Die Bilder: sie vertreten dich, bis du zurückkehrst.
Die Rückkehr: ein mythisches Wesen, das in den Geschichten deines Großvaters vorkommt.
Die erste Lektion ist hiermit beendet.
Ich aber richte mich an dich, damit du nun auch die zweite Lektion lernen kannst. Sie lautet: „Was
bedeutest du“?

Am Tag des Jüngsten Gerichts, dem Tag des großen Gedränges, sind alle nackt,
Und ihr – ihr schwimmt im Dreckwasser der zerbrochenen Abwasserrohre.
Barfuß – das ist gut für die Füße,
aber schlecht für die Erde.

Für euch werden wir Rednertribünen aufstellen und Konferenzen abhalten,
Und die Zeitungen werden angemessen über euch schreiben.
Ein neues Mittel wurde entwickelt, um den besonders hartnäckigen Dreck aus dem Wasser zu filtern
Zur Hälfte des bisherigen Preises.
Also beeilt euch, so viel als möglich davon aufzukaufen,
Denn die Wasserkrise ist akut.

Es sind gerade ernsthafte Verhandlungen im Gange,
dich mit kostenloser Asche zu versorgen, damit du nicht ersticken musst,
und das Recht der Bäume auf Leben verletzt.
Lerne, wie du die Asche, die dir zugewiesen ist, nicht auf einmal verbrauchst.

Sie haben dich gelehrt, wie du deinen Kopf hebst,
damit du den Dreck auf der Erde nicht siehst.
Sie haben dich gelehrt, dass die Erde deine Mutter ist.
Aber wer ist dein Vater?
Du suchst nach ihm, um dir deiner Herkunft sicher zu sein.
Sie haben dich gelehrt, dass deine Tränen einen unnötigen Wasserverbrauch darstellen.
Und wie das mit dem Wasser ist… Also, das weißt du doch selbst!

Der morgige Tag,
Er wäre besser daran, sich deiner zu entledigen,
denn das Gesicht der Erde wäre schöner ohne dich.

Kinder sind wie Spatzen,
Nur dass sie sich in toten Bäumen keine Nester bauen.
Und die Hohe Kommission ist nicht dafür verantwortlich, Bäume zu pflanzen

Nutze dich selbst als Trumpfkarte,
Als ein Stück Papier mit einem Gedichtchen drauf – ein Stück Klopapier,
Ein Stück Papier, mit dem deine Mutter den Ofen anzünden kann,
Um darin ein paar Brote zu backen.

Die Wettervorhersage:
Die Sonne liegt mit Fieber im Bett.

Die Knochen sind mit Fleisch und Haut überzogen.
Aber die Haut wird dreckig und fängt an zu stinken.
Oder sie verbrennt und wird von monströsen Kräften in Mitleidenschaft gezogen.
Schau dich an – du bist das beste Beispiel dafür.

Aber ihr dürft die Hoffnung nicht aufgeben.
Fasst euch ein Herz und schöpft Mut aus dem Exil, aus dem ihr gerade entflieht!
Das hier ist das Training für das Leben in der Hölle
und für die harten Bedingungen, unter denen ihr darbt.
Mein Gott – befindet sich die Hölle etwa auf Erden?

Die Propheten sind alle in Rente gegangen
Und glaubt ja nicht, dass wegen euch ein neuer Prophet kommen wird.
Wegen euch liefern die Spitzel ihre täglichen Berichte
und werden dafür gut entlohnt.
Wie wichtig doch Geld ist
für ein Leben in Würde!

Die Falafel von Abu Said laufen Gefahr, verunreinigt zu werden
Und die Krankenhausapotheke teilt mit, dass die Impfkampagne bald endet.
Aber du musst keine Angst haben, dass deine Kinder verseucht werden
Solange es die Apotheke gibt.

Weiter nun mit der Liveübertragung vom Schönheitswettbewerb:
Das Mädchen dort sieht gut aus in ihrem Bikini,
Aber die andere hat einen ziemlich dicken Hintern.
Breaking News: Plötzlicher Anstieg der Rauchertoten.
Aber die Sonne ist noch immer eine Quelle des Lichts
und die Sterne beobachten dich heimlich, denn dein Dach
hat Löcher.

Ein Streit am Taxi-Stand:
„Wir sind noch nicht genug Leute, um loszufahren.“
„Aber meine Frau liegt in den Wehen.“
„Es ist ihre zehnte Schwangerschaft. Hat sie denn gar nichts gelernt? Es gibt Berichte, die vor einer willkürlichen Bevölkerungsvermehrung warnen. Willkür – das ist das Wort, nach dem ich seit Jahren gesucht habe. Wir leben in einer willkürlichen Welt. Wir vermehren uns – und unsere Kinder sind nackt. Wir sind eine Quelle der Inspiration für Filmemacher, für Berichte in den Nachrichten, für Besuche von Delegationen. Wir sind Diskussionsthema am Runden Tisch der G8. Wir sind kleine Leute, aber ohne uns können die Großen nicht leben. Wegen uns sind Gebäude zusammengestürzt, und Stationen der Eisenbahn wurden in die Luft gejagt. Das Eisen rostet. Wegen uns werden so viele Bildnachrichten verschickt. Wir sind Schauspieler, die nicht bezahlt werden. Unsere Rolle ist es, so nackt zu sein wie an dem Tag, an dem unsere Mütter uns geboren haben. So nackt, als wären wir der Erde entsprungen, als hätten uns die Nachrichtenbulletins zur Welt gebracht, oder die Berichte mit den vielen Seiten, oder die Dörfer, die an die Siedlungen grenzen, oder die Schlüssel, die mein Großvater mit sich herumträgt.
Mein armer Großvater, er wusste nicht, dass die Schlösser in den Türen nicht mehr die alten sind. Großvater, selbst wenn dich die Türen, die sich nur noch mit Chipkarten öffnen lassen, verfluchen. Selbst wenn dich das Dreckwasser, das an deinem Grab vorbeiläuft, verflucht. Oder der Himmel, der dann keinen Regen mehr schickt. Es ist egal, deine Knochen treiben unten in der Erde sowieso nicht mehr aus, und das ist auch der Grund, warum auch wir nicht mehr aus der Erde heraussprießen werden.

Großpapa, ich trete an deine Stelle am Tag des Jüngsten Gerichts, am Tag des großen Gedränges, denn meine Genitalien sind der Kamera bekannt. Aber: Erlauben sie eigentlich Filmaufnahmen an dem Tag, an dem das Urteil gesprochen werden wird?

Großpapa, ich stehe hier, nackt, Tag für Tag, ohne Gericht, ohne dass die Engel ins Horn blasen müssen, denn ich bin vorausgeschickt worden. Ich bin das Experiment, das die Hölle am Planeten Erde vollzieht. Die Hölle, die man den Flüchtlingen bereitet.

Aus: at-Ta’limat bi-d-dakhil (Gebrauchsanweisungen anbei), Al-Farabi, Beirut 2007, S. 189 – 192.
Übersetzt von Abier Bushnaq und Francis Nenik.

Als Vorlage diente Abier Bushnaq das arabische Original, während Francis Nenik mit der englischen Übersetzung arbeitete, die Jonathan Wright unter dem Titel „The Last of the Line of Refugees Descendants“ angefertigt hatte. Der vorliegende deutsche Text entstand schließlich im gemeinsamen Austausch zwischen Abier Bushnaq und Francis Nenik.

Weiterführende Links
Jonathan Wrights Übersetzung findet sich hier.
Abier Bushnaq hat noch weitere Gedichte von Ashraf Fayadh ins Deutsche übersetzt, die hier
veröffentlicht worden sind. Und Francis Neniks Werke sind auf dieser Webseite versammelt.

Francis Nenik ist ein Pseudonym, der Autor scheut die Öffentlichkeit. Er wurde Anfang der 80er geboren und lebt in Leipzig. Zahlreiche Veröffentlichungen in renommierten Zeitschriften wie Merkur, Edit und Words Without Borders, die zum Teil fürs Radio vertont wurden. Sein Debütroman »XO« erschien 2012 in Form einer Loseblattsammlung, im selben Jahr erhielt er den 2. Preis im Essay-Wettbewerb der Literaturzeitschrift Edit. Der Essayband »Doppelte Biografieführung« sowie der Roman »Die Untergründung Amerikas« erschienen 2017, im Januar 2017 startete Francis Nenik sein »Tagebuch eines Hilflosen«, in dem er online die Amtszeit von Donald Trump literarisch begleitet. 2018 erschien »Seven Palms«, ein Buch über das Thomas-Mann-Haus in Los Angeles.